Von

Am Ende der 1. Woche unseres Urlaubs im Nationalpark Müritz hatte ich Lust auf eine Radtour. Genau aus diesem Grund hatte ich dieses Urlaubsgebiet ja ausgesucht – es gibt hier zahlreiche (ausgeschilderte) Wander- und Radwege, dagegen keine Steigungen. Für meine eingeschränkten Kräfte genau das Richtige. Es gibt keinen nennenswerten Verkehr, viel Wasser und abwechslungsreiche Natur. Thomas dagegen reizte das Fahrrad gerade gar nicht.

Ich belud am Morgen eines der Räder, das uns unsere freundlichen Vermieter zur Verfügung gestellt hatten und strampelte ab Haustür die Straße nach Schwarzenhof hinunter. Wie immer begleitete mich das vielfache „Krah krah“ der Specker Nebelkrähen. Es war noch richtig frisch, und ich war froh, mich für 2 Fleecejacken übereinander entschieden zu haben.

Ein Stück muss man die Straße gemeinsam mit den Kfz benutzen. Doch bereits kurz hinter Speck werden Radfahrer auf einen Radweg neben der Straße geleitet. Da es hier sehr wenig Verkehr gibt, ist das überhaupt kein Problem. Zumal der Radweg teilweise durch den Wald führt. Später öffnet sich der Wald und gibt den Blick auf riesige weite Weideflächen frei.

Riesige Weideflächen bei Speck

Hier haben es die Rinder noch richtig gut! Wir blieben oft hier stehen, um die Weite zu genießen.

Fischadlerhorst

Rechterhand wurde für andere tierische Bewohner des Nationalparks gesorgt. Auf dem einen und anderen Strommast kann man die Horste der Fischadler erkennen. Im Gegensatz zum größeren Seeadler hat der Fischadler die Gegend bereits verlassen, um sein Winterquartier in Nord- und Westafrika aufzusuchen. Er ernährt sich ausschließlich von frischem Fisch, was im Winter hier ein Problem werden könnte, während der Seeadler, den wir hier recht oft zu sehen bekamen, im Nationalpark überwintert. Immer wieder kann man den einen oder anderen Seeadler in einem der verlassenen Fischadlerhorste beobachten. Wir hatten dieses Glück leider nicht.

 

Es wurde spürbar wärmer, und ich konnte eine der beiden Jacken ablegen. Kurz darauf packte ich die zweite Jacke in den Fahrradkorb. Der Spätsommer hatte sich zurück gemeldet!

Es dauerte nicht lang, und ich erreichte Schwarzenhof. Hier gibt es eine von mehreren Nationalpark-Informationen.

Nationalpark-Informationen

Wir haben diese Einrichtungen ziemlich oft besucht, vor allem die im Nachbarort Federow – wegen der schönen Naturführer und Fotobände, die es dort zu kaufen gibt.  🙂

Schräg gegenüber führt der Radweg aus dem kleinen beschaulichen Ort hinaus und in den Wald hinein. Ich radelte so ziemlich allein vor mich hin und traf nicht eine Menschen- bzw. Radlerseele.

Wald hinter Schwarzenhof

Dass es auch hier wunderbar still war, muss ich wohl nicht mehr erwähnen. Nirgends hörten wir während unseres Urlaubs im Wald Motorengeräusche, was zu Hause eigentlich überall des Fall ist, selbst auf der Alb. Dagegen begleitete uns stetiges Vogelgezwitscher und meist mehrfaches Klopfen von Spechten.

Nach ein paar Minuten öffnet sich der Wald wieder. Ich stand vor weiten Wiesen, den Warener Hauswiesen, die sich bis zum Rederangsee ziehen.

Hier und am Rederangsee versammeln sich in diesen Wochen jeden Abend tausende Kraniche zur Nachtruhe. Von daher ist, wie auf dem Schild zu lesen, der Wanderweg entlang dieser Wiesen und zum See hin ab 16 Uhr gesperrt. Es dürfen sich ab dem späten Nachmittag hier nur noch geführte Gruppen aufhalten, um die Kraniche zu beobachten. Wir haben an einer solchen geführten Kranichtour teilgenommen, und es war ein einmalig beeindruckendes Erlebnis. Doch dazu in einem anderen Bericht.

Ich nahm weiter den Radweg Richtung Boek, der noch ein Stück an diesen Wiesen entlang führt, und versuchte immer wieder, durch die Bäume am Rand einen Blick auf die Wiesen zu erhaschen – vielleicht hatten sich ja schon jetzt, gegen Mittag ein paar Kraniche hier eingefunden. Doch die Wiesen lagen still und verlassen da, die Kraniche waren sicher noch unterwegs auf Futtersuche. Nur ein einsamer sterbender Baum ragte empor – ein Zeichen des feuchten Untergrunds.

Wiesen

Nun führt der Radweg durch ein ausgedehntes Moorgebiet, laut meinem kleinen Wanderführer das größte zusammenhängende Moorgebiet des Nationalparks. Noch vor 200 Jahren war diese Gegend vom Wasser der Müritz überspült. Heute kann man hier Kraniche, Adler, Silberreiher und die Hirschbrunft beobachten. Das Gebiet ist natürlich abgesperrt, und nur hohes Gras und Schilf am Rand deuten auf den feuchten Boden hin.

Schilf und Gras

Ich erreichte den ersten der beiden Aussichtstürme, die am Weg liegen – den Aussichtsturm „Specker See“. Wie der Name schon sagt, schaut man hier auf den Specker See, der einst zur Müritz gehörte…

Blick auf den Specker See

… zur anderen Seite auf die ihn umgebenden Moore, wie auch hier an den absterbenden Birken zu sehen ist.

Wiesen am Turm Specker See

Diese Birken hatten sich nach der Trockenlegung hier ausgebreitet. Nun, im Zuge der Rückführung wird es ihnen hier zu nass. Dafür entstand ein wunderbarer Lebensraum für viele Vögel. Leider bekam ich heute nicht einen zu sehen. Auch das Paar, welches schon eine ganze Weile hier oben stand und durchs Fernglas die Gegend absuchte, packte ein und stieg die Stufen hinab.

Weiter strampelte ich Richtung Süden und durchquerte den Specker Horst.

Specker Horst

Eine Infotafel gibt Auskunft über die Geschichte des Specker Horstes. Einst befand sich hier das Staatsjagdgebiet „Müritz“ als persönliches (!!) Jagdgebiet des ehemaligen und letzten Ministerpräsidenten der DDR Willi Stoph, samt seinem Anwesen.

Vesperpause

Jaaa, unsere Regierung hat sich schon die schönsten Flecken ausgesucht für ihre Jagdleidenschaft! Und ich suchte mir hier die schönste Bank für mein Vesper – unter einem riesigen knorrigen Nussbaum. Das Knarren seiner ausladenden Äste begleitete mich über die ganze Mittagspause. Dabei beobachtete und grüßte ich immer wieder vorbei radelnde Urlauber und genoss den Blick über den Specker Horst.

Specker Horst

Ein älteres Ehepaar fuhr an mir vorbei, ich schätzte die Beiden auf Mitte 80. Schön, wenn man in diesem Alter noch gemeinsame Radtouren unternimmt, dachte ich. Ich beobachtete, wie sie an einem ebenso riesigen alten Nussbaum, wie dem, unter dem ich saß, hielten, und schon waren sie dabei, Nüsse zu ernten und ihn ihren Beuteln zu sammeln. Ich fragte mich noch, ob das denn hier gestattet ist. Aber geht mich ja nichts an. Ein paar Minuten später sah ich den Mann nicht mehr, suchte den Baum mit den Augen ab und entdeckte ihn – hoch oben im Baum! Ich dachte, ich sehe nicht recht…! Puh, das sah gefährlich aus! Die Frau beobachtete die Kletterkünste ihres Gatten von unten und schien wesentlich entspannter als ich! Nur schnell weg hier – ich möchte nicht Zeuge eines Absturzes sein. 😀

Ich packte meine Büchsen und Flaschen zusammen und verließ diesen idyllischen Ort. Ich radelte weiter durch den Specker Horst und überquerte einen Wassergraben.

Abfluss des Specker Sees

Dies müsste der Flötergraben sein, der den Specker See mit der Binnenmüritz und der Müritz verbindet. Hier gelangte ich zu einem weiteren Aussichtsturm, von dem aus ich einen schönen unspektakulären Blick auf ein Stück Binnenmüritz hatte.

Blick auf die Binnenmüritz

Dieser kleine See war ebenso vor 200 Jahren noch Bestandteil der großen Müritz und entstand durch die Entwässerungsmaßnahmen damals. Umgeben ist er nun von Versumpfungsmooren, wo zahlreiche Arten von Pflanzen und Tiere ein ungestörtes Leben genießen können.

Weitere Kilometer strampelte ich durch den Boeker Wald. Ein kleiner Abstecher führt zu einer Aussichtsplattform am wunderschönen Ostufer der Müritz, den ich natürlich nicht auslassen kann. Hier bin ich nicht allein, als ich die super schönen Ausblicke auf die Müritz genieße.

Schließlich erreiche ich einen weiteren kleinen Ort – Boek. Ich befand mich nun an der Südspitze des Nationalparks. Auch hier gibt es eine Nationalpark-Information, untergebracht im ehemaligen Boeker Gutshaus, die ich natürlich besuche.

In einer zu einem urigen Gartenrestaurant umgebauten Scheune lockte mich ein Kaffee. Ich ließ mich an einem der Holztische nieder und kam mit dem Paar am Nebentisch ins Gespräch. Sie waren gerade von einer schönen Wanderung bei Boek zurückgekehrt und genossen nun, in der Nachmittagssonne, eine leckere Suppe – wie sie bestätigten. Natürlich redet momentan jeder über die zahlreichen Kraniche, die sich in diesen Wochen im Nationalpark für ihren Weiterflug in den Süden sammeln. Vorgestern haben sie etliche gesehen, berichteten die beiden, auf einer Wiese zwischen Röbel und Waren. Das war sicher ein beeindruckender Anblick, den wir in den nächsten Tagen auch noch öfters genießen durften.

Ich brach auf, fuhr durch eine ruhige Straße, links und rechts die für diese Gegend typischen einstöckigen Häuschen aus rotem Ziegelstein, besichtigte noch die Kirche von Boek, ein kleiner hübscher und schlichter Backsteinbau, wie man ihn hier oft zu sehen bekommt, und befand mich kurz darauf wieder in einem wunderschön stillen Wald. Dichtes Moos bedeckte den Boden zwischen auch hier relativ jungen Kiefern und Eichen.

Als ich kurz für eines dieser Fotos anhielt, schreckte ich eine Blindschleiche auf, die sich am Wegrand sonnte. Sie schlängelte sich aufgeregt in den Wald hinein, verharrte nochmals kurz, als wolle sie die Lage abwägen und verschwand schließlich.

Weiter strampelte ich durch diesen herrlichen Wald. Ich fuhr nun wieder Richtung Norden, auf den Priesterbäker See zu. Linkerhand war das Gebiet wieder als Kernzone gekennzeichnet. Sumpfiger Boden zeigte das nahe Ufer.

Sumpfiger Boden am Priesterbäker See

Es war noch früh am Nachmittag, und so entschied ich mich für einen weiteren Abstecher zu einer Beobachtungsplattform am Südufer des Priesterbäker Sees, die ich auf der Karte entdeckt hatte. Das Stück Weg dahin war jedoch ziemlich sandig – eher für Wanderer geeignet. Die Mühen waren es jedoch in jedem Fall wert. Ich entdeckte einen wunderschönen stillen Platz am See, den ich gar nicht wieder verlassen wollte.

Beobachtungsplattform

Lange hielt ich mich hier auf. Ich war hier ganz für mich. Nur ein paar Libellen leisteten Gesellschaft, und hin und wieder platschte ein Fischlein kurz an die Wasseroberfläche. Im Wald hinter mir das vertraute Klopfen der Spechte. Schräg gegenüber pickte sich eine Schwanfamilie ihr Vesper aus dem Wasser.

Am Priesterbäker See

Von hier aus konnte ich auch den Käflingsbergturm erkennen, den wir vor ein paar Tagen bestiegen hatten. Und die Beobachtungsplattform, zu der wir von Speck aus spaziert waren. Leider musste ich irgendwann weiter. Ich strampelte den Sandweg zurück, um die Tour auf dem regulären Radweg fortzusetzen. Am Südzipfel des Sees entdeckte ich nochmals eine Stelle, an der man einen schönen Blick auf den See hat.

Blick auf den Priesterbäker See

Hier war ich nicht allein – ein Mann fotografierte die Familie Schwan, während die Frau geduldig wartete. Ja das kenne ich inzwischen auch, berichtete ich ihr, und wir lachten. Dafür gibts ja immer schöne Fotos. Sicher sehr viel schöner als meine Handyfotos, wie dieses hier.

Familie Schwan

Ich war wieder erstaunt, was solch friedliche Bilder mit mir machten – mir war ebenso einfach nur friedlich zumute. Daran änderte sich auch nichts, als es nun doch ein wenig auf und ab ging – für mich Untrainierte eine mittelschwere Herausforderung. Die ich aber gut überstand. Schließlich erreichte ich die für den öffentlichen Verkehr gesperrte Straße nach Speck und wenig später die Ferienwohnung.

Es war noch warm genug, um es mir noch ein Stündchen im Garten gemütlich zu machen. Thomas kam einige Zeit nach mir nach Hause – bestens gelaunt und begeistert. Er hatte Stunden am Warnker See (bei Waren) gesessen, Vögel beobachtet und fotografiert. Ihm waren ein paar wundervolle Fotos von Kormoranen und Seeadlern gelungen.  🙂

Die Radtour ist ausgeschildert mit einem „blauen Radfahrer“.

Länge: 21 km (mit meinen Abstechern 23,6)

Eine Variante bzw. einen Teil der Tour fuhren wir ein paar Tage später gemeinsam. Wir luden die Räder auf den Bus und fuhren mit dem Müritz-Nationalpark-Ticket bis zur Bolter Schleuse südlich von Boek. Dort gibt es denn Ort Boeker Mühle.

Hier die Ankunft des Busses in Speck. Der Bus hat einen Fahrradanhänger, und der freundliche Busfahrer half beim Verladen und Festschnallen der Räder.

Bus im Nationalpark

Mit dem Nationalpark-Ticket kommt man im Nationalpark gut herum, denn er verbindet die Dörfchen und verkehrt auch auf den Straßen, die inzwischen für den öffentlichen Verkehr gesperrt sind. Mit dem Auto hätten wir einmal um die ganze Müritz, also gut 1 Stunde fahren müssen, um bis Boek zu gelangen.

Wir schauten uns etwas um, denn es gibt in oder bei Boeker Mühle, direkt an der Müritz einen Zeltplatz und ein Feriendorf. Und der Strand ist wirklich schön. Um diese Jahreszeit ist der große Trubel vorbei, und es ist richtig ruhig.

Ich fuhr allein noch etwas weiter bis zum Bolter Kanal, der sich am Ende in die Müritz öffnet.

Am Zeltplatz tranken wir in der schon wärmenden Morgensonne noch einen Kaffee, dann radelten wir nach Boek, und von dort die Tour über den Specker Horst und Schwarzenhof nach Speck zurück. In Schwarzenhof gab es in einer gemütlichen Radler- und Wandererrast natürlich wieder ein Stück selbstgebackenen Blechkuchen.   😀

Kaffee und Kuchen in Schwarzenhof

Länge: 19 km

Hier der Track:

Diesen Artikel drucken Artikel per Email versenden

2 Kommentare

  1. Hallo liebe Katrin,
    manno, ist das schön. So eine Radtour mitten durch die Natur, ich glaube, da hat man das Gefühl, so richtig selbst Teil der Natur zu sein.
    Deine Bilder sind dir auch gut gelungen. Man merkt doch gar nicht, dass du mit dem Handy fotografiert hast.
    Ich kann dir gut nachempfinden, wie du die Stille an dem wunderschönen kleinen Platz am Priesterbäker See genossen hast. Einmalig.
    Dankeschön nochmals für den tollen Bericht.

    Viele liebe Grüße
    von Frieder

    • Schönbuche

      Lieber Frieder,
      dankeschön für deine Grüße! Ja das war wirklich einmalig, und vieles wird durchs Schreiben hier wieder gegenwärtig. Die Sehnsucht ist groß nach dieser friedlichen wilden Natur – obwohl es in der Natur ja eigentlich oft gar nicht friedlich zugeht. 😀
      Es ist einfach alles stimmig, so lange der Mensch nicht eingreift, und das tut er da oben zunehmend weniger. Der Herbst ist auch eine gute Jahreszeit – die meisten Urlauber sind weg, man kann viele Tiere beobachten, die man sonst nicht zu sehen bekommt.
      Ich kann mir vorstellen, dass wir nächstes Jahr wieder dahin fahren. 🙂
      Ganz liebe Grüße an euch 3
      von Katrin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

↓